Neue AEC-Plattform analysiert Plansätze, Spezifikationen, RFIs und Submittals – und gleicht Projektinformationen mit lizenzierten Bauvorschriften ab

Eine neue Generation spezialisierter KI-Werkzeuge beginnt, einen bislang sehr arbeitsintensiven Bereich der Planung zu automatisieren: die Qualitätskontrolle von Bau- und Planungsunterlagen.

Architosh hat am 20. August 2026 ausführlich die US-amerikanische Plattform Ichi vorgestellt. Das 2024 gegründete Unternehmen entwickelt eine speziell auf Architektur, Ingenieurwesen und Bauwesen zugeschnittene KI für QA/QC – Quality Assurance und Quality Control – sowie Construction Administration.

Der entscheidende Unterschied zu klassischen PDF-Suchfunktionen: Ichi soll nicht lediglich Informationen finden, sondern unterschiedliche Projektunterlagen miteinander vergleichen und mögliche Widersprüche erkennen.

Von der Dokumentensuche zur automatisierten Planprüfung

Ichi kann umfangreiche Projektunterlagen analysieren. Dazu gehören unter anderem:

  • Zeichnungssätze und Pläne,

  • Spezifikationen,

  • Construction Documents,

  • Projekthandbücher,

  • RFIs,

  • Submittals,

  • sowie weitere projekt- oder unternehmensbezogene Dokumente.

Die KI arbeitet die Unterlagen seitenweise durch und sucht beispielsweise nach fehlenden Informationen, Inkonsistenzen, widersprüchlichen Angaben oder Punkten, die einer weiteren Prüfung bedürfen. Bei Submittals können eingereichte Unterlagen zusätzlich mit den Projektspezifikationen und Anforderungen aus Bauvorschriften abgeglichen werden.

Damit verändert sich der typische KI-Workflow.

Statt nur zu fragen:

„Wo steht Information X?“

lautet die Aufgabe zunehmend:

„Vergleiche die relevanten Unterlagen miteinander und zeige mir, wo Informationen fehlen oder sich widersprechen.“

Gerade bei Projekten mit mehreren hundert oder sogar tausenden Seiten Planungs- und Vertragsunterlagen könnte dies erhebliches Potenzial besitzen.

Mehrere KI-Agenten kontrollieren die Ergebnisse

Technisch interessant ist der sogenannte agentische Ansatz.

Nach Angaben von Ichi-Gründer Brandon Levey werden bei längeren und komplexeren Prüfaufgaben mehrere KI-Agenten eingesetzt. Einzelne Agenten übernehmen Teilaufgaben, während weitere Agenten Ergebnisse auf mögliche Lücken oder Inkonsistenzen kontrollieren.

Das soll eines der zentralen Probleme generativer KI reduzieren: Bei langen Verarbeitungsketten können sich Fehler einschleichen und anschließend durch weitere Verarbeitungsschritte fortsetzen.

Eine solche interne Gegenprüfung ersetzt allerdings nicht die fachliche Kontrolle. Auch Architosh betont, dass die professionelle Verantwortung weiterhin bei Architekten und Ingenieuren bleibt.

KI prüft gegen lizenzierte Bauvorschriften

Noch interessanter wird Ichi durch die Verbindung der Dokumentenanalyse mit einer umfangreichen Regelwerksdatenbank.

Nach Angaben des Unternehmens besteht Zugriff auf mehr als eine Million offizielle beziehungsweise lizenzierte nationale, bundesstaatliche und kommunale Vorschriften. Dazu gehören unter anderem Regelwerke des International Code Council sowie regionale Ergänzungen. Die Plattform nennt beispielsweise IBC, IECC und weitere amerikanische Building Codes.

Dadurch kann aus einer einfachen Dokumentenanalyse theoretisch ein mehrstufiger Abgleich entstehen:

Planung → Spezifikation → Projektinformation → Bauvorschrift → mögliche Abweichung

Wichtig ist dabei die Nachvollziehbarkeit. Die Ergebnisse sollen mit den jeweils zugrunde liegenden Regelwerksstellen versehen werden, sodass Planer die Aussage anschließend selbst überprüfen können.

Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zu allgemeinen Sprachmodellen. Bei einer belastbaren baurechtlichen Prüfung reicht eine plausible Antwort nicht aus. Entscheidend sind unter anderem die richtige Ausgabe eines Regelwerks, regionale Ergänzungen, der konkrete Projektstand und die tatsächliche Planungssituation.

Praxisbeispiel: 250.000 Dollar Einsparung

Wie groß der Nutzen einer solchen Prüfung sein kann, zeigt ein von aec+tech dokumentierter Anwendungsfall beim amerikanischen Architekturbüro DGA.

Bei einem Laborprojekt waren Brandschutzklappen mit Kosten von rund 250.000 US-Dollar vorgesehen. Die Planer vermuteten jedoch, dass diese für die konkrete Nutzung und Konstruktion möglicherweise nicht erforderlich waren.

Eine Prüfung mit Ichi lieferte nach Darstellung des Büros die entsprechenden Regelwerksstellen. Die Brandschutzklappen konnten daraufhin entfallen.

Auch bei der Bearbeitung umfangreicher Prüfstellenkommentare berichtet Ichi von erheblichen Zeitersparnissen. Ein rund 60 Seiten umfassendes Schreiben mit etwa 300 Einzelpunkten habe zuvor fünf bis acht Stunden Strukturierungsarbeit verursacht. Mithilfe der KI sei dieser erste Arbeitsschritt auf ungefähr 20 Minuten reduziert worden.

Solche Angaben stammen allerdings aus Anwenderberichten und sollten nicht mit unabhängig validierten Benchmarks gleichgesetzt werden.

Auch RFIs und Submittals werden analysiert

Ichi beschränkt sich nicht auf die Planungsphase.

In der Construction Administration kann die Plattform beispielsweise Submittals gegen Projektspezifikationen und Code-Anforderungen prüfen. Bei RFIs versucht das System, relevante Projektinformationen, frühere Entscheidungen und passende Regelwerksstellen zusammenzustellen.

Dokumente können direkt hochgeladen oder über integrierte Plattformen wie Procore übernommen werden.

Damit entwickelt sich die KI zunehmend von einer Suchmaschine für Bauinformationen zu einer Art digitalem Prüf- und Projektassistenten.

Noch keine klassische BIM-Modellprüfung

Bei aller Leistungsfähigkeit muss allerdings unterschieden werden:

Ichi arbeitet derzeit vor allem dokumentenbasiert.

Die Plattform analysiert Planunterlagen, PDFs, Spezifikationen und weitere Dokumente. Sie ist damit nicht mit Systemen gleichzusetzen, die direkt auf Bauteile und Eigenschaften innerhalb eines BIM-Modells zugreifen.

Architosh unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen dokumentbasierten Lösungen wie Ichi und BIM-nativen Systemen wie Kestrel Labs oder VitruAI, die Prüfprozesse beispielsweise direkt innerhalb von Revit durchführen.

Beide Ansätze dürften künftig nebeneinander existieren – und sich möglicherweise zunehmend miteinander verbinden.

Und Deutschland?

Technisch wäre der Ansatz auch für Deutschland hochinteressant.

Denkbar wäre beispielsweise:

Plan + Baubeschreibung + Leistungsverzeichnis + Landesbauordnung + Technische Baubestimmungen + Projektrichtlinien → automatisierte Vorprüfung

Die Umsetzung wäre allerdings komplexer.

Das deutsche Bauordnungsrecht ist stark durch die Bundesländer geprägt. Musterregelungen wie die Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen dienen als Vorlage, sind jedoch nicht automatisch unmittelbar anwendbar. Entscheidend ist, welche Fassung ein Bundesland tatsächlich eingeführt hat. Das Deutsche Institut für Bautechnik veröffentlicht deshalb regelmäßig eine Übersicht über den Umsetzungsstand in den Ländern. Der aktuelle Stand datiert vom 26. Juni 2026; die aktuell veröffentlichte Musterfassung ist die MVV TB 2025/1.

Eine deutsche Prüf-KI müsste deshalb nicht nur wissen, welche Vorschrift existiert, sondern auch welche Fassung am jeweiligen Projektstandort anzuwenden ist.

DIN-Normen könnten zur zusätzlichen Herausforderung werden

Hinzu kommt das Thema Urheber- und Nutzungsrechte.

DIN weist in seinen aktuellen Informationen zur KI-Nutzung ausdrücklich darauf hin, dass urheberrechtlich geschützte Normtexte nicht einfach in öffentliche oder unternehmensinterne KI-Systeme eingegeben oder als Wissensbasis solcher Anwendungen verwendet werden dürfen.

Das bedeutet nicht, dass eine KI-gestützte Normenprüfung in Deutschland grundsätzlich unmöglich wäre. Notwendig wären jedoch entsprechende Lizenzierungs- und Nutzungsmodelle, vergleichbar mit dem Ansatz von Ichi, das für den US-Markt mit offiziell lizenzierten ICC-Inhalten arbeitet.

Gerade dieser Punkt könnte für die Digitalisierung der deutschen Planungsprüfung noch entscheidend werden.

Eine neue Softwarekategorie entsteht

Ichi ist deshalb weniger als einzelnes neues KI-Tool interessant, sondern als Teil einer größeren Entwicklung.

Nachdem generative KI zunächst vor allem bei Visualisierung, Entwurf und Texterstellung eingesetzt wurde, rückt inzwischen die technische Qualitätssicherung in den Mittelpunkt.

Auf der AIA26 gehörten automatisierte QA/QC- und Compliance-Prüfungen laut Architosh bereits zu den auffälligen neuen KI-Trends. Neben Ichi arbeiten mehrere Unternehmen an dokument- oder modellbasierten Prüfverfahren.

Damit könnte sich im AEC-Markt eine neue Softwarekategorie etablieren:

KI, die nicht mehr nur beim Planen hilft – sondern Planung systematisch kontrolliert.

Für Planungsbüros könnte das langfristig eine der relevantesten KI-Anwendungen überhaupt werden. Denn während eine beeindruckende Visualisierung Zeit spart, können früh erkannte Planungsfehler, Widersprüche oder fehlende Angaben unmittelbar Kosten, Nachträge und Verzögerungen verhindern.

KI-Hinweis: Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz recherchiert und strukturiert. Quellen und Kernaussagen wurden redaktionell geprüft.

Quelle: https://www.ichiplan.com/